19.03.2011 | Meinungen | geschrieben von Sebastian Baus
In Anlehnung an einen großartigen Film aus meiner Kindheit könnte ich diesen Artikel auch mit der Überschrift "Nummer 6 lebt" beginnen.
Am 19. Oktober 2006 erblickte der Internet-Explorer 7 das Licht der Welt. Er sollte den 2001 erschienenen Vorgänger mit der Versionsnummer 6 in direkter Linie ablösen. Aber aus irgendeinem Grund ist das bisher nicht geschehen. Ich habe auch eine Vermutung zu eben diesem Grund - aber dazu später mehr. Dass das mit den Browsern ohnehin so eine Sache ist, habe ich hier schon mal ausgeführt. Aber nun wollen wir uns aus aktuellen Anlass mal nur dem IE6 widmen.
Wenn es denn so einfach wäre. An sich sollte eine Versionsnummer, die gerade einmal 2 - inzwischen auch nur 3 - Versionen zurückliegt nicht zu dramatisch sein. Im Fall von Microsoft, die ihre Produkte gerne mit jeder Versionsnummer neu erfinden, ist es aber in Tat ein GAU für das Web. Als der IE6 im Jahr 2001 veröffentlicht wurde, bestand das Internet zum überwiegenden Teil noch aus reinen, puren, jungfräulichen HTML-Dateien. Solche Sachen wie CSS oder XHTML gab es zwar hier und da schon, sie spielten für die Gestaltung von Websites noch keine große Rolle. Also konnte der IE6 damit rudimentär umgehen, aber mehr musste ja auch nicht sein. Inzwischen wird jede moderne Website fast ausschließlich über CSS-Anweisung gestaltet. Eben dieses Zeugs, mit dem der Internet-Explorer 6 nie gelernt hat vernünftig umzugehen.
Möchte man eine Website nun so gestalten, dass sie in allen Browsern, bis runter zum IE6 einwandfrei funktioniert, hat man zwei Möglichkeiten:
Anfang des Monats hat Microsoft höchst offiziell die Seite "The Internet Explorer 6 Countdown" ins Leben gerufen. Golem.de übertitelt das mit "Microsoft rät vom eigenen Produkt ab". Das Ziel: Den IE6 anzählen. Microsoft rät vom Internet-Explorer ab und möchte seine Abschaffung möglichst beschleunigen. Ein unterstützenswertes Ziel! Auf der Seite zeigt Microsoft auf einer Weltkarte den monatlichen Verbreitungsgrad des IE6. In Deutschland betrug der im Februar 2011 noch 2,9%. In Asien aber ist der IE6 mit 35% in China oder 25% in Südkorea noch sehr häufig verbreitet. Ein modernes und technologisch fortschrittliches Land wie Südkorea nutzt zu 1/4 einen 10 Jahre alten Browser? In der Tat. Die Begründung findet sich aber wohl in der hohen Anzahl von Internet-Cafés. Die sind meist mit Einheitstechnik unterwegs sind und bringen diese wohl nicht allzu oft auf einen aktuellen Stand.
Microsoft bietet denn auch ein kleines Script an, das doch bitte möglichst viele Seitenbetreiber auf Ihrer Website einbauen sollen. Kommt noch ein alter Browser zu Besuch, meldet sich ein Popup und bittet den User, sich doch bitte einen aktuellen Browser zu besorgen. Dummerweise verweist Microsoft dabei nur auf die Produkte aus dem eigenen Stall und tut damit sicherlich nicht jedem Anwender einen gefallen.![]()
Es gibt aber eine Reihe von alternativen Initiativen, die eigene "Badgets" anbieten mit denen man seine User - mal mehr, meist aber weniger dezent - darauf hinweisen kann, dass sie sich doch bitte mal nach einer Alternative umschauen sollen.
Wie beteiligen uns mit einigen Seiten auch direkt an der Intiative "Beat IE6". So erhalten User des IE6 bei Besuch unserer oder auch der Seiten von Kunden diesen dezenten Hinweis.
Durch Klick auf eines der Logos kann sich der Anwender dann direkt einen Browser seiner Wahl besorgen und wird nicht zu einem Nachfolger des IE gegängelt. Denn auch der IE9 verhält sich in vielen Dingen nicht wie man das eigentlich erwarten sollte ...
Sehr schön finde ich in diesem Zusammenhang auch die Initiative "Save the developers" und bin damit nicht alleine.
Der beste Hinweis nützt aber nichts, wenn der User seinen Browser gar nicht selber auswählen kann. Häufig weil er gerade im Büro sitzt und den IE6 von seiner Firma vorgesetzt bekommt.
Alleine diese Tatsache spricht Bände über die Qualität der vorhandenen IT! Ich schreibe ja hier unter "Meinungen" und da darf man ja schon mal polarisieren ;) Ich gebe zu: Ein Browser gehörte bis vor ein paar Jahren nicht zum notwendigsten Arbeitsmitteln das man seinen Arbeitnehmern zur Verfügung stellen musste. Das hat sich aber spätestens seit 2006/2007 geändert.
Inzwischen sollte jedes Unternehmen Wert darauf legen, dass seine Mitarbeiter adäquates Arbeitsmaterial gestellt bekommen. Ich erinnere mich an eine Studie von Forrester Research, die eindringlich darauf hinweisen, wie viel Zeit jeder einzelne Arbeitnehmer durch die Bereitstellung von schlechter oder veralteter IT verliert.
Es ist in meinem Umfeld kein Geheimnis dass ich auf die meisten "Admins" in größeren Unternehmen nicht sehr viel gebe. Die meisten wurden Anfang des Jahrtausend eingestellt, als der große Wechsel von den Workstations hin zu PC auf jedem Schreibtisch bevorstand. Da wurde alles eingestellt, was in der Lage war einen PS2-Stecker in die richtige Buchse am PC zu stecken.
Wenn er dann noch grün und violett (für Maus und Tastatur) unterscheiden konnte, war er sogar hochqualifiziert. Ich möchte keinem Unrecht tun, aber viele von diesen Kollegen tun immer noch ihren Dienst und finden den IE6 sicherlich völlig ausreichend. Wenn es mal sein muss, dann den IE7, aber mehr muss ja nun wirklich nicht sein.
Es mag aber auch gute Gründe für den "Erhalt" alter Versionen geben. Unter Umständen wurden innerbetriebliche, webbasierte Software speziell für eine bestimmte Version angepasst. Ich meine mich an verschiedene Varianten von SAP-Software zu erinnern, die zwar im Browser lauffähig waren ... aber reden wir nicht weiter drüber.
In diesem Fall mag es verständlich sein, wenn sich ein Unternehmen mit dem Austausch von Software schwer tut. Aber seien wir mal ehrlich: Wenn eine notwendige, intern eingesetzt Software einen fast 10 Jahre alten Browser benötigt ... wie gut mag die dann sein.
Als letztes Argument lasse ich noch den - je nach Infrastruktur - hohen Zeitaufwand für eine Aktualisierung von unter Umständen mehreren 1.000 PCs für nicht unbedingt brandaktuelle Software gelten. Denn es ist ja mit dem "Betanken" nicht getan. Die nächsten Tage und Wochen hat die Hotline sicherlich eine Menge damit zu tun den nervös anfragen Kollegen zu erklären, was sich jetzt alles geändert hat. Wobei ich zu bedenken gebe, dass es sich um einen Browser handelt. Das A&O einen jeden Rechners inzwischen. Keine hochkomplexe, individuell angefertigte Software die nur innerbetrieblich zur Verfügung steht. Es ist also davon auszugehen, dass der überwiegenede Teil der Mitarbeiter den Umgang mit einer moderneren Version gewohnt ist.
Den von Microsoft gemessenen Anteil von fast 3% in Deutschland würde ich daher fast ausschließlich im Unternehmensbereich ansiedeln. Auch Microsoft hat das erkannt und bietet auf seiner Countdown-Seite verschiedene Hinweise und Umstellungshilfen gerade für Untenehmenskunden an.
Die elektrodampf GmbH wird bei der Entwicklung von Websites und webbasierten Anwendungen den IE6 nicht weiter berücksichtigen. Ausnahmen mag es geben wenn es unumgänglich ist. Ansonsten möchten wir den Verbleib des IE6 durch Anpassung nicht noch weiter fördern. Unsere Arbeiten funktionieren stets in allen Browsern, ab dem IE7.
Übrigens sind wir damit in guter Gesellschaft. Schon im September 2010 hat Facebook die Unterstützung des IE6 offiziell eingestellt, worüber sich auch andere gefreut haben.
Ein paar Hinweise zu anderen Entwicklern und Blogs, die dem Internet-Explorer 6 nicht unbedingt nachweinen habe ich schon gegeben. Es gibt aber noch weit mehr: Abmatten.de verweist auf das Nahen des Internet-Explorer 9 und gibt ein paar Hinweise dazu.
Sebastian Michalke lobt Microsoft für das Abraten vom eigenen Produkt. Dem kann ich mir nur anschließen. Tom Schimana macht einen Vorschlag dem wir ja auch schon nachgekommen sind:
"An sich sollte man Benutzer von Internet Explorer 6 gleich automatisch auf die Downloadseite von Microsoft umleiten."
Machen wir Tom - nur nicht direkt zu Microsoft sondern lassen den User noch selber entscheiden ;)
Hinweis:
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