Der Browser War 2010

Die Frage bewegt manchen Sicherheitsexperten, aber auch und vor allem gute Webdesigner. Mancher wird sich fragen, warum es eigentlich neben Marktanteilen und wirtschaftlicher Bedeutung wichtig ist, welcher Browser in welcher Version verwendet wird. Nun, das Problem ist, dass eine Website in einigen Browsern wunderbar funktionieren kann, sich in anderen aber gar nicht bedienen lässt.

Die Browser: (Kaum) einer wie der andere

Die Ursache ist, dass sich Browser bei der Darstellung einer Website unterschiedlich verhalten. Damit ist nicht eine leichte Abweichung in der Darstellung von Farben gemeint. Bei der Darstellung von Inhalten unterscheiden sich die Browser so stark, dass so manche Website in Safari und Google Chrome ein Kunstwerk ist, im Internet-Explorer aber bis zu Unkenntlichkeit verschandelt wird.

Aber wie kann das sein? Browser benutzen zur Darstellung einer Website sogenannte "Rendering- oder Layout-Engines". Die sind dafür zuständig, dass der Browser aus den HTML und CSS-Anweisungen einer Website das Layout zusammensetzen und dem User auf dem Monitor präsentieren kann.

Davon gibt es eine handvoll: Die Browser Safari und Google Chrome benutzen gemeinsam die (inzwischen freie) Webkit-Engine und verhalten sich damit in weiten Teilen gleich. Firefox verwendet die ebenfalls freie Gecko-Engine. Opera hat mit Presto seine eigene Interpretationsmaschine geschrieben und auch Microsoft nutzt mit Trident eine Eigenentwicklung. Leider, leider verhalten sich alle dieser Engines in relevanten Punkten unterschiedlich.

Da müssen halt Standards her

Die gibt es schon lange: Das World Wide Web Consortium (W3C) veröffentlicht bereits seit Mitte der 1990er Jahre Standards für HTML und CSS. Aber es ist wie so oft: Nicht jeder hält sich daran. Gerade Microsoft geht mit Trident sehr stark eigene Wege. Viele Seiten nutzen daher für den Internet-Explorer komplett eigene Anweisungen, damit eine Website wenn schon nicht wie gewünscht dargestellt, trotzdem noch benutzt werden kann. Das ist zwar seit der Version 7 des Internet-Explorers besser geworden, aber auch der Internet-Explorer 8 ist noch weit entfernt von der Standardkompatiblität gemäß W3C.

Dabei muss ich immer an den wirklich sehr alten Microsoft Witz denken:

Was macht ein Microsoft-Mitarbeiter wenn der Strom ausfällt? Er erklärt die Dunkelheit zum neuen Standard! 

Die Konformität von Browsern kann mit dem sogenannten ACID-Test geprüft werden. Dabei werden eine Reihe von standardisierten Layout-Anweisungen an den Browser gesendet und geprüft, wie viele er davon korrekt umgesetzt hat. Das Ergebnis in Auszügen:

Presto und Webkit - also Opera, Chrome und Safari - bestehen den aktuellen ACID3-Test ohne Einschränkungen.

Internet-Explorer 8 im ACID3-Test Der Internet-Explorer 8 schafft gerade mal 20 von 100 Punkten im ACID3-Test
Internet-Explorer 7 im ACID3-Test Beim Internet-Explorer 7 kann nicht mal das Ergebnis korrekt dargestellt werden und er wird mit 14 Punkten nach Hause geschickt.
Firefox 3.6x im ACID3-Test Der Firefox in der aktuellen Version 3.6schneidet da schon besser ab, kann aber auch nicht die volle Punktzahl erreichen.
Internet-Explorer 9 im ACID3-Test Vorschau: Der Internet-Explorer in derVersion 9 (hier in einer Preview) schlägt sich leicht besser als der aktuelle Firefox und kann endlich als nahezu standardkonform bezeichnet werden.
Firefox 3.7 im ACID3-Test

Aber auch Mozilla legt nach und die Preview vom Firefox 3.7 holt auch ein paar Punkte auf, erreicht aber auch noch nicht die 100%.

 

Quelle auch für weitere Ergebnisse:
http://de.wikipedia.org/wiki/Acid_(Browsertests)


Eine Website muss funktionieren

Ich sage bewusst nicht, dass eine Website in allen Browsern gleich aussehen muss. Das kann man sich zwar wünschen, aber der dazu notwendige Aufwand steigt sehr schnell in grenzwertige Höhen. Alternativ kann ich mich auf die Anweisungen beschränken, die von allen Browsern gleich dargestellt werden. Dabei verzichte ich aber auf viele, im Standard einfach umzusetzende Funktionen, die meine Website und das Usererlebnis bereichern.

Kompromisse müssen her: Wenn ich zumindest der Hälfte meiner Besucher mit wenig Aufwand eine tolle, funktionale Seite bieten - und mit dem gleichen Aufwand der anderen Hälfte eine immer noch ansprechende und benutzbare Seite zeigen kann - dann ist das doch in Ordnung. Auch wenn sich die Darstellung in geringen Punkten unterscheidet. Ein Beispiel sind hier abgerundete Ecken. Eine kleine, aber feine Designoption, die mit wenigen CSS-Anweisungen umsetzbar ist. Ganz ohne umständlich Bilder und damit oft starre Layouts einsetzen zu müssen. Nur der Internet-Explorer bis Version 8 (IE 8) kann keine abgerundeten Ecken darstellen. Bei ihm bleiben sie eckig - was aber der Wirkung der Gesamtseite keinen Abbruch tun muss.

Dazu muss ich aber wissen, welche Browser in welcher Version die Mehrheit meiner Besucher verwendet. Hier kommen wir schon zum nächsten Problem. Aber vorher noch ein kleiner Hinweis an alle Agenturen und Kunden da draussen:

Liebe Designer: Safari alleine reicht nicht!

Designer arbeiten Steve-Jobs-gegeben oft oder ausschließlich mit Macs. Inzwischen ist das durch die Lauffähigkeit von Windows auf dem Mac zwar besser geworden, aber viele Designer entwickeln und prüfen ein Layout daher oft nur mit dem Safari. Zwar gibt es Firefox und auch Opera für den Mac und dann wird auch mal brav damit getestet, nur um mit dem Internet-Explorer zu testen, ist dann etwas mehr Aufwand erforderlich. Hier wird meist geschlunzt. Das Ergebnis sind dann Seiten, die für etwa die Hälfte der Nutzerschaft zum Teil gar nicht bedienbar sind oder einfach "kaputt" aussehen.

Eine Seite muss aber funktionieren und das auch in Bezug auf die Markenwahrnehmung. Sie darf daher auch nicht durch fehlende oder verschobene Elemente "kaputt" aussehen. Ein Unterschied in der Optik ist aber in meinen Augen mit Blick auf die Kosten akzeptabel.

Für welchen Browser muss ich denn nun optimieren? 

Im Idealfall weiß man, wie sich die Browser auf die eigenen User verteilen. Jedes Trackingsystem dieser Welt und sogar die einfachen Webserver-Logfiles können diese Frage beantworten. Bei einem neuen Projekt sieht das allerdings etwas anders aus. Zwar gibt es mehrere wirklich gute Statistiken, aber nur wenige mit unmittelbarer Aussagekraft für das eigene Projekt.

Der Browser als Ausdruck der Persönlichkeit 

Welchen Browser ein User verwendet, hängt letztlich auch von vielen, ganz persönlichen Eigenschaften des Nutzers ab. Eine Website bedient in der Regel nun immer eine bestimmte Auswahl von Menschen und spricht dabei oft auch persönliche Eigenschaften an. So wird ein technisch interessierter und versierter Nutzer auch in seiner Browserwahl vom "Standard" abweichen und aus guten Grund einen Opera oder Firefox benutzen, während der Gelegenheitssurfer keinen großen Wert auf den Browser legt und mit dem surft, was ihm das Betriebssystem vorgibt. Zwar muss Microsoft ja hier die Wahl anbieten, in der Regel wird es bei Windows dann aber der Internet Explorer sein. Genau so ist es bei Designern oder Trend-Settern, die dann mit Safari unterwegs sind. Eine Website mit Informationen für technische Early-Adopters wird daher deutlich mehr Besucher mit Firefox und Chrome haben. Anders eine Seite mit Börsenkursen, die wohl meist aus den Büros dieser Welt mit dem dort vorhandenen Internet-Explorer besucht wird. Ich muss mir also eine Statistik suchen, deren Daten in etwa von themenähnlichen Seiten stammen, oder ich versuche eine möglichst übergreifende Statistik zu finden und orientiere mich an der Masse.

Viele Statistiken haben aber eben nun genau das Problem, dass Ihre Datensammlung auf einer Auswahl von Seiten beruht. Damit dann eben auch auf einer Auswahl von Nutzern dieser Seiten. Den besten Überblick bieten da noch Daten, die von AdServern oder übergreifenden Trackinganbietern erfasst werden. Also wo die Erfassung mehr oder weniger unabhängig vom Content des Anbieters stattfindet.

Auch spielt das Land der Erhebung eine Rolle. Die Browserverteilung international hat nur bedingten Einfluß auf die Nutzungsgewohnheiten in Deutschland.

Die Suche nach der richtigen Statistik

Es war gar nicht so leicht, allgemeine, gute und für den deutschen Markt aussagekräfige Statistiken zu finden.
Fündig bin ich dann bei AdTech geworden, deren letzte Veröffentlichung dazu leider von Anfang letzten Jahres (also 2010) ist. AdTech bietet AdServer-Lösungen und verfügt damit über eine sehr umfangreiche, heterogene Erfassungsbasis.

Ebenfalls gute Daten sind bei Statcounter zu finden. Statcounter ist Anbieter von Webanalyse und nach eigenen Angaben auf über 3 Millionen Websites international installiert. Zwar kann man die Frage stellen: Wer kennt den Dienst und installiert ihn? Gibt es nicht auch so wieder eine Pre-Selection? Auf Grund der großen Zahl wollen wir das aber mal vernachlässigen. Denn Statcounter erlaubt es auch, die Statistik auf den deutschen Raum zu begrenzen. Im Mai 2010 wertete Statcounter immerhin 633 Millionen Seitenzugriffe in Deutschland aus.  

Werfen wir einen Blick auf die Zahlen. Wichtig wie gesagt, dass wir nur den Deutschen Markt betrachten. 

Browser-War in Deutschland - Juli 2008 bis Dezember 2010

Unabhängig der Versionen hat der Firefox seit Anfang 2009 deutlich Anteile gewonnen und liegt inzwischen bei ca. 60%. Die Verbreitung des Internet-Explorers nimmt deutlich ab und liegt "nur" noch bei ca. 25%.

Betrachten wir die Verteilung der letzten 6 Monate im Detail:

Browser-War in Deutschland: Juli 2010 bis Dezember 2010

Hier wird deutlich, dass Chrome der Gewinner des Jahres 2010 ist. Inzwischen verfügt der Browser ca. 8% Marktanteil in Deutschland.

Wie wir schon gesehen haben, ist aber nicht nur die Art, sondern auch die Versionsnummer des Browsers mehr als entscheidend:

Übersicht der Browser-Versionen in Deutschland (Stand: Dezember 2010)

Deutschland verhält sich nicht wie der Rest der Welt

Als kleines Beispiel, warum man bei der Auswahl der richtigen Statistik zwei Mal hinschauen sollte, möchte ich hier geben. Wir sehen die Browsverteilung der letzten 6 Monate für Deutschland und Weltweit:

Browser-Nutzung Juli 2010 bis Dezember 2010 Deutschland Browserverteilung Juli 2010 bis Dezember 2010 Weltweit

Wie wir sehen ist in anderen Teilen der Welt der Internet-Explorer immer noch führend. Firefox kommt weltweit in keinem Fall an die Verbreitung in Deutschland heran.

Kommt mit dem Internet-Explorer 9 die Rettung?

Wie der ACID3-Test beweist, wird der IE 9 wohl recht gut zu gebrauchen sein. Allerdings wird er nur für Windows Vista und Windows 7 angeboten werden. Beide Betriebssysteme zusammen erreichen in Deutschland lt. Statcounter etwas über 50% Marktanteil. Der Trend zeigt zwar deutlich die ständige, aber schleppende Ablösung von XP, es wird aber auch einige Zeit dauern, bis sich der IE9 in der Fläche verteilt hat.

Was bleibt ...

... ist die Notwendigkeit weiterhin darauf zu achten, wie eine Website in welchem Browser aussieht und dass sie in allen Browsern funktioniert. Beim Internet-Explorer 6 bin ich kompromissbereit: Das Ding ist so schlecht, das kann und sollte man im wesentlichen vernachlässigen. (Bis auf die Sache mit transparenten Bildern als PNG in Newslettern. Das geht gar nicht!) Optische Feinheiten sind durchaus gewünscht, müssen aber nicht auf Teufel komm raus 1:1 für alle Browser funktionieren. Wenn der IE 8 eben keine abgerundeten Ecken darstellen kann, dann bleiben sie eben eckig. Das - und das Warten auf den IE 9 - ist wesentlich effizienter.

Wie immer nur meine Meinung, aber ich freue mich, wenn sie für Sie hilfreich sein kann.

Als weitere Lektüre empfehle ich

 


Nachtrag vom 05. Januar 2011:

Wie es scheint befassen sich Ende des Jahres alle mit der Auswertung Ihrer Logs und der Verteilung der Browser. So ist heute bei golem.de ein Bericht über unterschiedliche Aussagen zum Browser-War von Statcounter und Webtrekk zu lesen. Leider fehlt auch nur der Versuch, die Unterschiede sachlich und fachlich zu begründen.