Delicious vor dem Aus

Diese interne Folie, die gestern per Twitter und dann bei TechCrunch veröffentlicht wurde, löst die aktuellen Spekulationen aus:

Interne Folie Yahoo. Quelle: TechCrunch

Darin gibt Yahoo einen Ausblick auf die nächsten Jahre und führt unter anderem aus, dass auch delicious der "Sunset" droht. Also der Sonnenuntergang. Ein schöner Ausdruck für einen bedeutsamen - und für einige immer noch tragischen - Schritt.

Was sind überhaupt Social-Bookmarking-Dienste?

Das Social-Bookmarking entstand Anfang des Jahrtausends, getrieben von zwei zu dieser Zeit stattfindenden Entwicklungen: Laptops wurden immer erschwinglicher und viele User benutzten auf ein Mal mehr als einen Rechner für den Zugang zum Internet. Interessante Seiten wurden aber bisher immer per Bookmark im Browser gespeichert und standen so nur auf einem Rechner zur Verfügung.

Das rief clevere Diensteschmieden auf den Plan, die kurzer Hand im Netz Abhilfe schafften. Mit kleinen Webapplikationen war es dann möglich, seine Lieblingsseiten im Netz abzulegen und immer im Zugriff zu haben - unabhängig an welchem Rechner ich mich gerade befinde. Beschleunigt wurde die Entwicklung aber noch durch die immer weiter abnehmende Qualität der Suchergebnisse der großen Suchmaschinen. Die wurden mehr und mehr kommerzialisiert und optimiert. Der User hatte nicht mehr das Gefühl, dass diese Ergebnisse wirklich seine Wunschergebnisse darstellen. Wenn er nun also nach langem Durchforsten von Ergebnislisten die besten Seiten zu einem Thema gefunden hatte, wurden sie direkt gespeichert. Es war aber auch die Zeit des Web 2.0 und des User-Generated-Content. Was lag also näher, als meinen mühsam errungenen Sucherfolg anderen zur Verfügung zu stellen?

Aus diesem Grund wurden die Social-Bookmarking Dienste auch schnell eine Anlaufstelle für andere Suchende in der Hoffnung, hier deutlich schneller qualitativ wertvolle (weil von Menschen erstellte) Websitenvorschläge für bestimmte Themen zu finden. 

Daraus entstand 2003 der Dienst delicious, der 2005 von Yahoo gekauft wurde. Delicious zog (naturgemäß bei guten Ideen) eine Reihe von Clons hinter sich her. So entstand auch Mister Wong, als deutscher Clon des Prinzips "Links teilen".

Auch Google freute sich über Social-Bookmarks 

Die geteilten "Sucherfolge" entsprechen im Prinzip einem der größten Leitsätze von Google. Nämlich der "Wisdom of crowds" - der Weisheit der Vielen. So kam es, dass populäre Linklisten der großen Bookmarking-Dienste häufig in den vorderen Rängen der Ergebnislisten bei Suchmaschinen zu finden waren.

Nicht zuletzt auch deswegen, weil die Betreiber der Bookmarking-Dienste sich alle Mühe gaben, genau dort aufzutauchen. Sie nutzten also genau die Methoden, aus deren Ablehnung sie einst entstanden waren. Damit wurden sie dann auch das Ziel von SEOlern, die den Ball sprichwörtlich über Bande spielen wollten. Anfang 2007 veröffentlichte ich dazu einen Artikel auf XING, in dem ich meine Sicht auf das Thema beschrieb und Social-Bookmarking-Diensten genau aus diesem Grund einen baldigen Untergang prophezeite.

Artikel von Sebastian Baus zum Thema </a>Social Bookmarks aus dem Jahr 2007

Durch die Optimierarbeit der Betreiber und das Ausnutzen der guten Suchergebnisse durch SEOler und andere Optimierer, wurden die Bookmarking-Dienste vom gleichen Virus befallen, für den sie eigentlich das Heilmittel darstellen sollten.

Das Netz hat sich verändert

Nun stehen wir bald im Jahr 2011 und das Internet und die Art wie wir suchen hat sich stark verändert. Ausserdem gibt es jetzt auch Dienste wie Facebook und Twitter. Auch die Suchmaschinen, allen voran Google, arbeiten immer noch permament an der Verbesserung Ihrer Suchergebnisse und sicherlich ist dem ein oder anderen aufgefallen, dass Social-Bookmarking-Dienste bei Google kaum noch eine Rolle spielen. Zumindest vordergründig. Zwar gehört es noch zum Handwerkszeug eines jeden SEOlers, auch für möglichst viele Social-Bookmarks zu sorgen. Der unmittelbare Effekt bleibt aber mehr und mehr aus.

Natürlich finden wir auf unzähligen Seiten noch die unvermeidlichen "Bookmark-Me"-Icons. Aber deren Bedeutung ist vielen schon gar nicht mehr klar.

Social Bookmarkleiste bei SPON

Es geht auch inzwischen weniger darum Seiten zu finden, die eine Vielzahl von anderen Usern über eine gewisse Zeit als "treffend" bewertet haben. Das Internet ist schneller geworden. Mehr und mehr zählt ein kurzfristiges Ergebnis. Denn nichts ist so alt, wie die Nachrichten von gestern. Durch Facebook erhalten wir auch immer wieder Links von unseren "Freunden", denen wir aus ganz anderen Gründen vertrauen. Der kurzfristige Informationsbedarf wird von Twitter bzw. Google Echtzeit bedient.

Ein aktuelles Beispiel dazu: Gestern Abend gegen 19 Uhr war Facebook für mich nicht mehr erreichbar. Wie immer fragt man sich erst "Liegt an mir?". Ein googlen nach "Facebook down" bringt selbstverständlich keine verwertbaren Treffer, wenn es um Informationen der letzten 5 Minuten geht. Aber einmal kurz nach Facebook bei Twitter gesucht und schon finde ich hunderte Einträge wie "Mhh, komme nicht auf Facebook. Ihr auch nicht?" - und alle paar Sekunden werden es mehr. DAS ist die Suche von heute.

Suche wird mehr und mehr zur social search

Im Zusammhang mit der aktuellen Diskussion bin ich auch auf einen lesenswerten Beitrag von Bastian Karweg auf aufnetzwertig gestoßen. Er beschäftigt sich schon lange aktiv mit dem Thema und ist schon einen Schritt weiter gegangen. Mit seiner "Social Search" nimmt er den Geist der Zeit auf und versucht, aus den "Surftipps" unserer Freunde und Kontakte einen Suchindex zu bilden. Sozusagen: "Suche bei Freunden". Zumindest was ich bisher dazu verstanden habe.

Das ist eine äußerst charmante Idee, die sicherlich Zukunft haben wird. Ich glaube nicht, dass das nur ein kurzer Trend ist. So ringen Yahoo, Microsoft und Google doch schon länger um eben solche Dienste wie Twitter und Facebook, bei denen sie das Wissen der Nutzer direkt anzapfen und für die eigenen Dienste verwenden können. Google lebt dieses Prinzip - automatisch Umgesetzt in den Suchindex - ja schon länger mit Erfolg.

Was bleibt ...

... ist wieder mal der Tod eines Geschäftsmodells und einer sehr schönen Idee, die zum einen am Netz selber, zum anderen aber durch Adaption der Big Players gestorben ist. Es wird eher ein Siechtum sein, bis auch der letzte Dienst dazu seine Pforten schließen wird. Aufhalten lassen wird sich das aber nicht und rein wirtschaftlich ist die Entscheidung von Yahoo nachvollziehbar. Delicious war schlicht nicht profitabel und das Modell überholt. Facebook und andere werden ähnliche Funktionen noch ausweiten und es wird nur noch wenig Bedarf an alternativen Lösungen geben. 

Im Moment machen sich noch viele Gedanken dazu, wie jetzt kurzfristig mit dem Ende von delicious umgegangen werden kann. Andere, wie der Webmaster Blog,  sehen alleine bei Yahoo die Schuld am Untergang von delicious. Mthie vertritt dagegen eine ähnliche Meinung wie ich und auch Golem.de hat darüber berichtet. Vielleicht wird es einen kurzen Aufschwung für Wettbewerber bedeuten, der aber sicher nicht von Dauer sein wird. Bleibt abzuwarten, was aus der Social-Search wird. Ich werde das auf jeden Fall verfolgen.

Update:

Laut TechCrunch hat Yahoo die Schließung inzwischen bestätigt und auch Silicon.de zitiert aus einer Pressemitteilung von yahoo. Demnach ist das Gerücht bestätigt. Auf Basicthinking gibt es auch schon eine Anleitung, wie man seine Bookmarks vor der Löschung bewahren kann. Das nenn ich mal früh mitgedacht ;)