Content Management CMS

In meiner Tätigkeit als Berater wird mir oft die Frage gestellt: "Welches CMS (Content-Management-System) empfehlen Sie denn so?" Mit der Antwort halte ich es wie viele andere zu dem Thema: "Well, it depends." - "Nun, es kommt darauf an."

Was ist überhaupt ein CMS?

Hinter jeder professionellen Website steckt meist ein CM-System. Oder sollte zumindest. CMS steht für Content-Management-System und bedeutet nicht nur übersetzt: Den Inhalt einer Website verwalten.
CM-Systeme sind dabei so ausgelegt, dass sie es gerade dem versierten Laien erlauben, die Inhalte seiner Website ohne HTML, CSS, Java oder sonstige Kenntnis von Scriptsprachen einfach zu verändern oder neue Inhalte hinzuzufügen. Das CMS sorgt dann dafür, dass sich neue Texte oder Bilder optisch passend in die Seite einfügen, neue Menüelemente erscheinen, eine Menüstruktur gebaut wird und Elemente wie Links direkt als solche umgesetzt werden. Nebenbei ersparen sie noch einen lästigen Upload-Prozess. Als Editor oder Redakteur eines CMS kann man neue Inhalte direkt, unverzüglich per Knopfdruck verfügbar machen, ohne dazu seine IT-Abteilung bemühen zu müssen.

Aber: Das gilt leider nur eingeschränkt. 

Das eine CMS gibt es nicht 

Wie bei so vielen anderen technischen Lösungen, wird immer die eierlegende Wollmichsau gefragt. Die gibt es aber auch unter den CM-Systemen nicht. Ob und welches CMS für die eigenen Ansprüche das richtige ist, entscheiden nicht zuletzt die Anforderungen an den "Content" und die gegebenen Rahmenbedingungen. 
Lehne ich zum Beispiel bestimmte Scriptsprachen wie PHP ab, fallen automatisch einige Dutzend CMS aus der Auswahl. Direkt einige Dutzend? Wie viele CMS gibt es denn? Die Seite http://www.cmsmatrix.org/ listet aktuell 1.160 unterschiedliche Systeme. Da fällt die Auswahl schon schwer. 

Meiner Meinung nach die wichtigste und erste Frage:

Geht es nur um "Inhalt"?

Nun, Inhalte muss vielleicht erst definiert werden. Mit Inhalt meine ich in diesem Sinne nur statische Texte wie Produktbeschreibungen, Nachrichten, Bilder, Videos ... kurz: Redaktionelle Inhalte. Wenn eine Website einfach Inhalte "abbilden" soll, dann ist es recht einfach das passende CMS zu finden. Am Ende kommt es dabei dann eher auf die Versiertheit der Redakteure/ Editoren und eben die Rahmenbedingen an. Diese Fähigkeit beherrscht aber fast jedes CMS nahezu perfekt.

Schwieriger wird es, wenn zu einfachen Inhalten mehr oder weniger komplexe Funktionen kommen. Beispielweise alleine eine Funktion, die Filialen im Umkreis einer Postleitzahl anzeigt. Denn hierbei ist es mit der einfachen "Anzeige" nicht mehr getan. Hier sollte eine spezielle Funktion/ Anwendung her. Es sein denn, man möchte die Ergebnisse als einzelne Seiten per Hand pflegen und legt für jede der > 8.000 Postleitzahlen eine eigene Seite an. Dann wäre man auch mit einem der einfachsten Systeme bedient. Aber das wollen wir ja nicht ;)

Für den beschrieben, einfachen Fall brauchen wir also ein CMS, das es erlaubt, innerhalb des statisch verwalteten Content noch weitere, dynamische Inhalte einzubinden und anzuzeigen - ohne natürlich die Struktur der durch das CMS verwalteten Seiten aufzubrechen. Aber auch das lässt sich mit vielen CMS mehr oder minder einfach lösen. Viele CM-Systeme haben einfache eigene Scriptsprachen oder unterstützen das Ausgliedern von kompletten Seitenteilen, erlauben aber trotzdem die gemeinsame Verwaltung einer Menüstruktur. 

Hier beginnt aber nun die Qual der Wahl.

Eine Frage des Standpunkts

Was brauche ich? Wenn ich eine Website bereits länger betreibe, sollte ich sehr genau wissen ob und welche Funktionen und wie umfangreich diese sind. Stehen die Funktionen im Mittelpunkt meiner Website, oder die redaktionell hinzugefügten Berichte und Beschreibungen? Schwierig wird es dann, wenn ich zwar viel redaktionellen Content habe, der aber fast ausschließlich durch dynamische Funktionen angezeigt werden soll. Beispielweise eine Bewertungsplattform oder eine Mischung zwischen Shopsystem und Bewertungsplattform ... und weil es so schön ist, packen wir noch ein Forum dazu. Aber dazu später mehr.

Schwieriger ist die Frage "Was brauche ich?" aber zu beantworten, wenn man mit seiner Website ganz am Anfang steht. Dumm nur: Die Wahl des CMS hat auch nicht unbeträchtliche Folgen für die künftige Gestaltung meiner Website. Setze ich auf das falsche CMS, ist es unter Umständen später ein größerer Aufwand, auf ein anderes System umzuschwenken. Und wir das immer so ist: Gerade dann wenn man es braucht, fehlt die Zeit oder die Ressourcen.

Aber woran liegt das, wenn es nur um die Verwaltung von Content geht? Genau das ist das Problem. Jedes CMS arbeitet so, dass es die anzuzeigenden Inhalte irgendwo formatiert ablegt. Das kann eine Datenbank, oder die einfache Ablage im Dateisystem sein. Die Formatierung, in der die Daten abgelegt werden, ist dabei nicht standardisiert und kann so von einem neuen CMS nicht 1:1 übernommen werden. 

Aber beim Content kann man sich noch helfen - und wenn es eine Woche Copy&Pase bedeutet. Schwieriger wird es, wenn ich bereits individuelle Veränderungen oder Ergänzungen am CMS vorgenommen habe, damit es meine Anforderungen erfüllen kann. Wie erwähnt bieten viele Content-Management-Systeme eigene Scriptsprachen oder APIs an. Wenn ich aber nun eine Anwendung in dieser Scriptsprache erstelle, oder für eigene Anwendungen die API benutze (beispielsweise um in meine eigenen, dynamischen Funktionsseiten das Menü aus dem CMS einzubinden), bedeutet es einen nur schwer überschaubaren Rattenschwanz von Folgearbeiten. Aus diesem Grund hängen auch so viele Betreiber auf teilweise veralteten CMS fest. Die Migration auf ein neues System wäre zu aufwendig und so wird an einem alten System immer weiter gebastelt - oder gefrickelt.

Aber welches CMS nehme ich denn nun?

Nun, neben der Frage zu den anzuzeigenden Inhalten sollten mindestens noch folgende Fragen beachtet werden:

Aber was empfehlen Sie denn jetzt?!

Nun gut, wenn alles bedacht ist und die Anforderungen und Abhängigkeiten grob geklärt, dann möchte ich doch kurz ein paar Empfehlungen abgeben. Erstaunlicherweise sind das auch die genau die Systeme, mit denen die elektrodampf ausgiebig Erfahrung und diese auch selber schon eingesetzt hat:

Für eine sehr moderne Website, mit einem großen Teil an redaktionellem Content, aber auch dem Bedarf an Web 2.0-Funktionen und gutem Support empfehle ichWordpress ab Version 3.0.
 

"Wordpress? Ich will doch keinen Blog!" werden Sie jetzt vielleicht denken und vor der Version 3.0 war Wordpress tatsächlich eine reine Blogmaschine.  Mit der Version 3.0 haben aber eine Reihe von Funktionen Einzug gefunden, die ausWordpress ein sehr ansehnliches CMS machen. Erwähnt sei hier nur der Menü-Editor. Der sucht meiner Meinung nach Seinesgleichen. Rechte und Rollen werden ausreichend unterstützt, die Community ist riesig und die Admin-GUI durchaus eingängig. Etwas nachteilig ist die Performance.

Wer sich schon mal die Datenbank-Querys angeschaut hat wird feststellen, dass das auch durchaus performanter machbar wäre. Von der Tabellenstruktur ganz zu schweigen. Das merkt man leider auch im Front-End. Aber dafür gibt es Abhilfe in Form von Caching-Plugins. Allgemein ist das Plugin-Thema ein großes beiWordpress. Auch die Entwicklung eigener Plugins ist kein Hexenwerk und durch die gute Dokumentation im Netz finden sich schnell fähige Entwickler.

Allerdings sind die Plugins dann sehr eigen und lassen sich nur mit viel Aufwand auf andere Systeme übertragen. Der optischen Umsetzung sind mit Wordpress kaum Grenzen gesetzt. Zu bedenken ist noch etwas der Sicherheitsaspekt. Als ein System mit enormer Verbreitung ist Wordpress naturgegebenes Ziel für Hacks und Exploits. Natürlich kann Wordpress nichts dazu und Sicherheitslücken werden mit sehr guter Geschwindigkeit gefixt. Es muss aber bedacht sein.

Darf es etwas mehr an Enterprise-Readiness und Performance sein? Dann empfehle ich ContaoContao wächst inzwischen aus der Rolle des Underdogs zu einer echten Alternative. Früher als Typo-Light bekannt, ist Contao inzwischen ein sehr sauber und gut gearbeitetes System mit Wurzeln in Deutschland. Dazu gibt es bei Bedarf auch noch professionellen Support und Literatur. Von Kunden wird oft gerühmt, wie gut das Backend zu bedienen sei. Dazu muss man wissen, dass viele den Umstieg von Typo3 zu Contao vornehmen - aber dazu später mehr. Auch die Präsenz von elektrodampf ist mit Contao umgesetzt und wir sind bisher sehr zufrieden.

Wer volle Freiheit möchte, sicher sein will, dass seine eigenen Funktionen später mehr oder weniger portiert werden können und trotzdem auf die üblichen Features eines CMS zur direkten Contentverwaltung nicht verzichten möchte, dem möchte ichModX ans Herz legen. ModX bietet eine sehr sauber gearbeitete und eingängige Oberfläche und für viele, viele Standardfunktionen gibt es bereits Plugins und Module. Allerdings ist ModX wirklich als Brücke zwischen statischem Content und dynamischen Anwendungen zu sehen. Die API ist für den Zweck hervorragend und bietet sich geradezu an einzelne, in ModX verwaltete Elemente auf eigen erstellten Anwendungsseiten einzubinden. Die Community ist ausreichend groß. Bei der Dokumentation hakt es noch etwas. ModX hat gerade einen etwas größeren Evolutionssprung vollzogen. Von der "Evolution"-Variante zur "Revolution". Dabei sind leider auch grundlegende Funktionen und Standards überarbeitet worden. Mit dem Wissen um die Veränderungen kann aber auch die reichlich für "Evolution" vorhandene Dokumentation genutzt werden.

Dem versierten Leser wird aufgefallen sein, dass alle erwähnten CM-Systeme Open-Source und auf php- und mysql-Support ausgelegt sind. Das ist aus gutem Grund so ;)

Das hier ist doch alles Quatsch. Es gibt doch Typo3! 

Sie erinnern sich an den Absatz: "Aus diesem Grund hängen auch so viele Betreiber auf teilweise veralteten CMS fest"?. Ich möchte hier nicht sagen, dass Typo3 veraltet ist. Ganz im Gegenteil: Typo3 kann die vielgesuchte eierlegende Wollmichsau sein. Aber damit das so bleibt, brauchen Sie schon einen speziellen Stall, speziell ausgebildete Knechte und denken Sie nicht, dass sich die Sau mit anderen Säuen versteht.

Spaß beiseite: Typo3 ist unheimlich mächtig. Aber in seiner Mächtigkeit auch sehr eigen. Typo3 erlaubt und unterstützt die totale Anpassung und die Integration von eigenen Funktionen und Anwendungen. Wobei Integration eher als "interne Entwicklung" bezeichnet werden kann. Typo3 ist so viel mehr als nur ein CMS - es ist inzwischen schon eine eigene Sprache geworden - die aber beherrscht sein will. Entsprechend komplex kann auch die alltägliche Arbeit mit dem System ausfallen. Dafür erhält man mit Typo3 aber ein sehr erwachsenes, fertiges und zuverlässiges System.

Die Arbeit mit Typo3 erinnert mich an eine Aussage zu Firefox von einem guten Beraterkollegen: "Von Entwicklern, für Entwickler".

Sie können sich darauf einstellen, dass sie bei Typo3 durchgehenden Support von entsprechend ausgebildeten Experten brauchen. Aus diesem Grund wird Typo3 auch oft von Agenturen und Medienschaffenden empfohlen. Das hat ja auch seine Berechtigung, muss aber bei der Entscheidung bekannt und bewusst sein.

Wir setzen Typo3 nicht ein und supporten es auch nicht. Dazu gibt es Spezialisten und bei denen sollte man auch bleiben.

 Was bleibt ...

... ist wieder die Qual der Wahl. Ich hoffe aber, dieser Artikel schafft zumindest Verständnis, warum es nicht EIN CMS gibt, warum die Antwort auf die Frage "Welches CMS nehme ich denn jetzt?" vielen guten Beratern nicht immer leicht fällt und warum es Sinn macht, sich damit zu beschäftigen. 

Im Anschluss noch etwas weiterführende Lektüre zu dem Thema:

Die Experten von Pixelpoems haben sich die Mühe gemacht einen Kriterienkatalog zur Auswahl eines CMS zu erstellen, der in jedem Fall zum Thema lesenswert ist.

Die Macher von Design4u haben sich ebenfalls mit der Frage _intensiv_ auseinandergesetzt und kommen zu ähnlichen Empfehlungen. In Ihrem ausführlichen Beitrag gehen Sie aber auf deutlich mehr Fragestellungen ein. Daher empfehle ich auch diesen Artikel.

Ähnlich umfangreich ist die Auswahlhilfe der Netzrebellen zum Thema CMS.

Ich bin sicher, das Studium aller drei Quellen beseitigt alle Unklarheiten und ehe man sich langfristig an ein System bindet, sollte man sich schon die Zeit nehmen. Bleiben Fragen, steht Ihnen die elektrodampf natürlich auch zur Seite. Die Realisierung überlassen wir je nach Auswahl den entsprechenden Experten. Bei der Einschätzung der Auswirkungen können wir aber sicherlich hilfreich sein.